Emptied Entities
setups #1 - 5


Diplomprojekt von Ariane Andereggen und Matthias Gommel,
Präsentation im ZKM Medientheater, Karlsruhe, Oktober 2002


Personen
Ariane Andereggen arbeitet auf unterschiedlichen Ebenen mit Video und digitalen Schnitt- und Bildverabeitungsprogrammen. Schwerpunkte sind identitätsstiftende Geschichten und das Finden von Bildern, Videotheater als Erweiterung des Bühnenraums. Da Ariane Andereggen auch als Schauspielerin und Performerin arbeitet, begreift sie Kunst nicht als statisches Gebilde, sondern als prozesshafte Auseinandersetzung in der die Rezeption des Betrachters einen wichtigen Anteil an der tatsächlichen Werkentstehung hat.

Matthias Gommel beschäftigt sich neben seiner Arbeit als Ausstellungsdesigner (mit Schwerpunkt auf installativer Medienkunst) seit einiger Zeit intensiv mit Robotik/Maschinen und den ihnen immanenten Prinzipien (z.B. Wiederholung) und mit Begriffen der maschinellen Zeit und dem digitalen Raum. Er stellt Roboter in unterschiedliche Kontexte, er untersucht das Bild der Maschine nach dessen Aussage in Bereichen wie Medienkunst, Ausstellung, Performance und reflektiert kritisch den faszinierten Blick der Beobachter auf die Roboter.

Inhalt
Uns interessiert:
1. Kann ein technisches Setup als Metapher für eine 'Condition Humaine' gelesen werden?
2. In welcher Form können Prinzipien von Wiederholung, Taktung, Automatisierung, wie sie den Maschinen immanent sind, vom Menschen als kinästhetische oder Wahrnehmungsgewohnheiten verinnerlicht werden (Die Maschine als Verlängerung des Körpers)?
3. In welchem Maße kann der Mensch technische Ausgangsbasen für seine affektive Beziehung zu sich selbst, für seine Identität als rein natürliche (d.h. als von der Natur hergestellte) akzeptieren?
4. Wie verändert sich das Bild/die Wahrnehmung einer Maschine, wenn sie in den Bühnen- oder Ausstellungsraum transferiert wird?
5. Welche sind die Wechselbeziehungen zwischen maschineller Zeit und Zeit, die durch Handlungen entsteht?
6. Ist es möglich, statt eine Geschichte abzuspulen, ein Bild aufzubauen, Gegenwart zu erfinden?
Wichtige Leitgedanken sind in diesem Zusammenhang auch die Weigerung des Ichs zur Urheberschaft, radikaler Konstruktivismus und anti-narrative Strukturen. Die Mechanismen des Bewusstseins und die Mechanismen der Perzeption werden durch eine begleitende ausgiebige Beckett-Lektüre bearbeitet.

Präsentation
Es geht darum, den oben erwähnten Fragen und Gedanken eine Form zu geben oder umgekehrt, den Maschinen ein Prinzip zuzuordnen - den Geist sozusagen aus der Maschine zu locken (oder die Maschine zu begeisten). Da es sich um verschiedene Ansätze handelt, sind auch mehrere Installationen [Setups] entstanden, die numerisch mit 1- 5 bezeichnet sind (die Arbeiten beziehen sich auch auf diese Codierung). Gemeinsam bilden sie im Raum einen Parcours.

Der Umraum, das ZKM Medientheater, ist selbst ein Wiederholungs- oder Maschinenraum. Er ist in diffuses Licht getaucht, innerhalb dessen die einzelnen Setups durch je einen quadratischen Lichtkegel verortet sind. Die Technik wird als sie selbst gezeigt - als Readymade inszeniert. Sie erzeugt eine Situation, die vom Betrachter gehört, gesehen, erlebt und ausprobiert werden kann. Dabei wird er Teil der Installation, in ihre Logik integriert. Und ihm kommt noch eine weitere Rolle zu. Er definiert das Pensum. Er bestimmt, wie oft oder wielange sich alles wiederholt, bis die Wiederholung selbst zur Gegenwart wird.


#1
Blickprojektion

1 Videoprojektor ist am Arm eines Industrieroboters befestigt. Damit wird auf eine Leinwand projiziert. Das projizierte Bild wird durch den Roboter bewegt. Es zeigt ein Augenpaar, das mit einer statischen Kamera frontal dabei aufgezeichnet wurde, wie es der Bewegung eines Roboters folgte. Diese Bewegung bestand aus einer Bahn in Form eines Rechtecks, die der Roboter wiederholt abfuhr. Dieselbe Bewegung fährt der Roboter nun auch beim Projizieren des Bildes ab. Der Betrachter wiederum folgt mit seinen Blicken den Blicken des (aufgezeichneten) Betrachters, die den Bewegungen des Roboters folgen. Der Blick ist gefesselt. Die Maschine ist Bewegung. Es ist die Bewegung, die den Blick erzeugt.

Technik: 1 Industrieroboter, 1 Steuercomputer, 1 DVD Player, 1 Videoprojektor


#2
Delay-Headsets

2 Headsets hängen von der Decke. Die beiden Mikrofone nehmen permanent auf, die Lautsprecher in den Ohrmuscheln geben das Aufgenommene wieder. Beide Headsets sind miteinander gekoppelt, jeder hört sich selbst und den anderen. Doch findet zwischen der Aufnahme der Mikrofone und der Wiedergabe über die Hörmuscheln eine Verzögerung von drei Sekunden statt. Der Besucher hört sich selbst und sein Gegenüber zeitverzögert. Die Wahrnehmung der eigenen Handlung wird von der Ausführung der Handlung entkoppelt. Alle unsere Wahrnehmung von der Welt ist zeitverzögert. Diese Zeitverzögerung wird ins Wahrnehmbare gedehnt.

Technik: 1 Power Mac (Software: Max MSP), 1 Pilot Intercom, 1 Compressor/Limiter, 2 Piloten-Headsets


#3
Kopflautsprecher

3 Kontaktlautsprecher sind so in einer Wand eingebaut, dass der Besucher sich mit seinem Kopf gegen sie lehnen kann. Akustische Schwingungen werden auf seinen Schädelknochen übertragen und somit hörbar. Der Besucher hört auf jedem der drei Lautsprecher je einen Schauspieler, der die Aufgabe hatte, 20 Minuten lang den gleichen Satz zu wiederholen. Durch diese ständige Vergegenwärtigung wird der Satz seines Sinnes entleert.

Technik: 3 CD-Player, 3 Verstärker, 3 Kontaktlautsprecher


#4
Lautsprecherkanon

4 Lautsprecher auf Stativen bilden ein Quadrat. Tritt der Besucher in die Mitte, löst er über einen Sensor eine singende Stimme aus, die zunächst auf dem ersten Lautsprecher, dann auf dem zweiten, usw., hörbar wird. Durch die zeitliche Verzögerung entsteht ein Kanon, der erst wieder verklingt, wenn der Ort verlassen wird. Eine einzelne menschliche Stimme wird durch ihre technische Wiederholung und den zeitlichen Versatz addiert. Sie wird vielstimmig, polyphon.

Technik: 1 Power Mac (Software: Max MSP), 1 ext. 8-Kanal Soundkarte, 1 Webcam, 4 Aktiv-Lautsprecher


#5
Zuschauermonitore

5 Monitore sind halbkreisförmig angeordnet. Der Betrachter platziert sich ihnen gegenüber. Auf den Monitoren sieht er die Gesichter einzelner Schauspieler, die Beobachter spielen. Die Schauspieler schlüpfen in die Rolle des Publikums. Dabei folgen sie einer Partitur, die sich aus verschiedenen Affekten zusammensetzt (abwartend, skeptisch, amüsiert, peinlich berührt, enttäuscht, gerührt). Der Betrachter nimmt die Rolle/den Platz des Schauspielers, des vermeintlichen Akteurs ein. Nach einer Weile gibt es Applaus.

Technik: 5 DVD Player, 5 Videomonitore, 2 Aktiv-Lautsprecher