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Rhine
Streaming
Karlsruhe liegt im Südwesten Deutschlands nahe der Grenze zu Frankreich.
In westlicher Richtung, ungefähr acht Kilometer vom Stadtzentrum
entfernt, tangiert der Rhein die Stadt. Die besondere Geschichte, die
Fluss und Stadt verbindet, bildet den Hintergrund für die Konzeption
der Installation Rhine Streaming, an die die folgenden Überlegungen
heranführen sollen.
Am 17. Juni 1715 legte Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach den Grundstein
zu seinem neuen Residenzschloss, aus dem sich wenig später die Stadt
Karlsruhe entwickelte(1). Der Ort war in sicherem Abstand zum Rhein gewählt
worden, der sich in weitläufigen, sich ständig verändernden
Mäandern durch die Ebene schlängelte und das Land regelmäßig
unter Wasser setzte. Doch schon bald nach der Gründung der Stadt
zog man den wirtschaftliche Nutzen eines Zugangs zum Wasser in Betracht,
und so ließ bereits der Nachfolger des Stadtgründers einen
kleinen Kanal anlegen, der mit einem Umweg über das kleine Flüsschen
Pfinz die Stadt mit dem Rhein verband. Auf diesem Kanal wurde dann vor
allem Baumaterial in die wachsende Stadt befördert, für den
großen Handel war er aber nicht geeignet. (2) Friedrich Weinbrenner,
der bedeutende Karlsruher Architekt und Stadtplaner, entwarf schließlich
1802 im Rahmen seiner Planungen zur Stadterweiterung einen Kanal vom Rhein
direkt zum Schloss.(3) Dieser sollte der Residenz- und Verwaltungsstadt
zu neuem Auftrieb verhelfen, deren wirtschaftliche Entwicklung eher schwerfällig
verlief und die in der Versorgung von den umliegenden Gemeinden in großer
Abhängigkeit stand. Über Jahre wurde dieser Plan diskutiert
und mehrfach modifiziert und schließlich aufgrund technischer Schwierigkeiten
bzw. der daraus resultierenden hohen Kosten fallengelassen. Während
des 19. Jahrhunderts wurden mehrfach neue Kanalbaupläne(4) entwickelt,
die die Situation des nördlich der Stadt angelegten, zwei Wegstunden
entfernten kleinen Hafens entschärfen sollte. Doch erst im Jahre
1901, als die Begradigung des Rheins bereits weitgehend abgeschlossen
und damit die Schiffbarmachung bis in die Schweiz eingeleitet war, wurde
direkt am Fluss und vor den Toren der Stadt der Rheinhafen eröffnet.
Dieser wuchs binnen weniger Jahre zum bedeutenden und modernen Industriehafen
heran und machte Karlsruhe, zunächst im Umschlag von Kohle, später
von Erdöl, zu einem zentralen Umschlagplatz für den süddeutschen
Raum.
Schon immer wurde der Rhein im Zusammenhang mit der latenten Hochwassergefahr
wahrgenommen, doch um die Mitte des 20. Jahrhunderts drangen auch die
zunehmende Verschmutzung des Gewässers und die Erfordernis von Gegenmassnahmen
in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Als im Jahre 1986 nach dem
Grossbrand bei einem schweizerischen Chemiekonzern in Basel Tonnen giftiger
Chemikalien in den Fluss gelangten und das Ökosystem über hunderte
von Kilometern auf das Schwerste schädigten, führte dies zu
einer weiteren Sensibilisierung für das Thema. Die Rheinanliegerstaaten
forderten Massnahmen zur lückenlosen zeitlichen Überwachung
durch neue Messstationen und Messeinrichtungen entlang des Gewässers,
um Einleitungen mit gefährlichen (toxischen) Stoffen rechtzeitig
auf die Spur zu kommen und Vorsorgemassnahmen einleiten zu können.
In der Nähe des Rheinhafens wurde 1988 die Rheingütemessstation
Karlsruhe errichtet, die von der Landesanstalt für Umweltschutz betrieben,
heute zu einer der modernsten Messstationen an deutschen Fliessgewässern
gehört. Das auf Stelzen stehende Containerhaus befindet sich in wenigen
Metern Abstand zum Rhein. Über eine Zuleitung wird Wasser aus dem
Fluss ins Innere gepumpt, um dort, auf eine Reihe von unterschiedlichen
Testgeräten verteilt, chemischen und biologischen Prüfungen
unterzogen zu werden. Nebst Probensammlern und Sedimentationsbecken zur
Langzeitanalyse sind kontinuierliche Testgeräte installiert, die
laufend aktuelle Messwerte ausgeben. So wird beispielsweise eine Population
von Daphnien (Wasserflöhe) mit Hilfe von Videotechnik beobachtet
und deren Bewegungsverhalten durch einen Computer ausgewertet.(5) Dieser
erhebt Statistiken und errechnet zeitsynchron die Ergebnisse zu einem
so genannten Toxizitäts-Index zusammen, der ein Maß für
die Giftigkeit des Wassers darstellt. Als Routine werden die Daten über
das Internet an die Landesanstalt für Umweltschutz in Karlsruhe ausgegeben
und im Alarmfalle zusätzlich in Form einer SMS-Nachricht an das Alarmhandy
des verantwortlichen Mitarbeiters verschickt. Von dort kann der Alarm
nach vorheriger Verifizierung an den Internationalen Warn- und Alarmdienst
Rhein weitergeleitet werden.
Die Rheingütemessstation bildet als Ort wie auch in ihrer Funktionsweise
den Ausgangspunkt für die Installation Rhine Streaming. In
der Station werden aus dem Wasser des Rhein mit Hilfe von wissenschaftlichen
Beobachtungsanordnungen Daten erhoben - der natürliche Wasserstrom
wird in einen binären Datenstrom umgewandelt. Auf diesem Prinzip
baut das Rhine Streaming auf: Für die Dauer der Ausstellung
wird eine high speed Internet Verbindung eingerichtet, durch die der Datenstrom
in bestmöglicher 'Bandbreite' zum ZKM gelangt. Der Fluss wird direkt
in die Ausstellung fließen. Damit wird das historische und zugleich
utopische Projekt, den Rhein in die Stadt fließen zu lassen, virtuell
realisiert. Das Rhine Streaming zeigt die heutigen Praktiken der
Beobachtung unter Zuhilfenahme des Computers zur Auswertung und des Internet
zur Distribution und schlägt eine Brücke zum historischen Verständnis
des Rhein. Dieser Rückbezug zeigt auf, wie unter dem sich ändernden
Blick auf den Rhein der Fluss selbst sich verändert hat.
Folgende Signale bilden den Strom in die Ausstellung:
1) Das erste Signal kommt aus der bereits an der Messstation installierten
Video-Überwachungskamera. Diese Kamera, die im Normalbetrieb dafür
genutzt wird, grobe und oberflächliche Wasserverschmutzungen aufzuzeigen,
blickt aus erhöhter Perspektive in Fliessrichtung auf den Rhein.
Das Bild ist ruhig, nahezu statisch. Von Zeit zu Zeit schiebt sich ein
großer Lastkahn an der Kamera vorbei durch das Wasser. Das Bild
der Kamera wird in der Ausstellung über eine Videoprojektion zu sehen
sein.
2) Die aus den Anordnungen in der Messstation erhobenen Testdaten bilden
den zweiten Teil der übertragenen Signale. Der Wasserflohtest liefert
Werte, die Aufschluss über das aktuelle Verhalten der Lebewesen im
Ökosystem Rhein und damit über die Qualität des Wassers
geben. Aber sie repräsentieren auch den Blick des Wissenschaftlers,
der diese Testanordnungen nutzt, um Unsichtbares zu visualisieren.
3) Ein Unterwassermikrophon im Fluss liefert das dritte Signal. Dieses
macht hörbar was unter der Wasseroberfläche geschieht. Man hört
die Fliessgeräusche des Wassers, monotones vielfrequentes Rauschen
und leise klirrende Kiesel, die über den Grund rollen. Dann und wann
entsteht langsam und immer lauter werdend ein Surren, das bis zum aggressiven
Kreischen heranwächst: die ohrenbetäubenden Geräusche einer
Schiffsschraube, die sich flussaufwärts sägt. Diese direkte
Form der Tonaufnahme macht den Strom klanglich ästhetisch begreifbar.
Gleichsam wie im Interview wird dem Fluss eine Stimme gegeben.
(Die Installation Rhine Streaming ist entstanden im Verbund und mit Bezug
auf die Installationen von Christelle Gramaglia und Jean-Pierre Le Bourhis
und wird unter dem bergreifenden Titel riverphonics in der Ausstellung
zu sehen sein.)
(1) Manfred Koch, in: Karlsruher Chronik: Stadtgeschichte in Daten, Bildern,
Analysen, Stadt Karlsruhe/Stadtarchiv (ed.), Badenia Verlag, Karlsruhe,
1992, pp. 16-34.
(2) Ernst Otto Bräunche, "Der Karlsruher Hafen - ein langer
Weg zum Rhein", in: Rheinhafen Karlsruhe 1901-2001, Stadtarchiv Karlsruhe
and Rheinhfen Karlsruhe (ed.), Info Verlag, Karlsruhe, 2001, pp. 15-26.
(3) Gottfried Leiber, in: Friedrich Weinbrenners städtebauliches
Schaffen für Karlsruhe; Teil 2, Institut für Baugeschichte der
Universitt Karlsruhe (ed.), Verlag Philipp von Zabern, Mainz/Rhine, 2002,
pp. 17-38.
(4) Georg Hertweck, "Die Geschichte des Rheinhafens von den Anfängen
bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs", in: Rheinhafen Karlsruhe
1901-2001, Stadtarchiv Karlsruhe and Rheinhäfen Karlsruhe (ed.),
Info Verlag, Karlsruhe, 2001, pp. 44-71.
(5) Dr. Michael Marten, in: Landesanstalt für Umweltschutz, Jahresbericht
2002/2003, Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg
(ed.), Karlsruhe, 2004, pp. 16-17.
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